Der heilige Geist Gottes in Gestalt einer Taube (c) Chris Scholten, cjsdesign.nl

[time] Letzte Änderung: 7.11.2019 um 22:22 Uhr     [print] Druckversion

Was ist der heilige Geist Gottes?

Es ist schon erstaunlich, wie ein so wichtiges Element des christlichen Glaubens so viel Verwirrung stiften kann. Der Geist weht, wo er will.

Die Kraft des Höchsten

In der Bibel ist häufig die Rede vom "Geist Gottes" oder dem "heiligen Geist“ ("pneuma hagion“). Der Begriff “Geist“ meint Konzepte, Ideen und Gedanken, aber auch das Streben, Wünschen, Wirken und Hoffen einer Person. “Heilig“ meint so viel wie “zu Gott gehörig“, im Kontrast zu weltlichen (profanen) Dingen. In der Bibel (besonders im Alten Testament) ist mit dem heiligen Geist zunächst einmal die unsichtbare, ewige Kraft Gottes gemeint, mit der er auf die sichtbare Welt einwirkt:

“Ich aber bin erfüllt mit Kraft, mit dem Geist des HERRN, mit Recht und Stärke, um Jakob seine Übertretung zu verkünden und Israel seine Sünde.“
– Prophet Micha, Kapitel 3,8

"Und der Engel antwortete und sprach zu ihr [d.h. Maria]: Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten.“
– Evangelium nach Lukas, Kapitel 1,35

Dass der Geist Gottes die Kraftwirkung Gottes meint, bestreitet kaum jemand. Menschen können von diesem Geist erfüllt werden und durch ihn Kraft, Trost, Weisheit und manchmal sogar ein Kind bekommen. Aber ist das alles? Denn dem Geist werden auch zahlreiche, sehr verschiedene Funktionen und Fähigkeiten zugeschrieben, die nicht ganz so einfach verständlich sind: Der Geist wird in der Bibel als Beistand und Lehrer bezeichnet und vom Vater gesendet.[1] Er hat einen eigenen Willen,[2] kann betrübt werden,[3] sprechen[4] und ist sich seiner selbst bewusst.[5] Diese Anzeichen von Personalität haben Viele dazu veranlasst, den Geist als dritte Person der Gottheit zu betrachten, wie es in der Trinitätslehre der Fall ist. Aber stimmt das wirklich?

Kritiker würden entgegnen, dass der Geist grundsätzlich die Kraftwirkung Gottes meint. In den Ausnahmefällen, in denen er Anzeichen einer Person zeigt, steht "heiliger Geist" dann schlicht und ergreifend als Synonym für Gott den Allmächtigen (JHWH), der unbestritten eine Person ist. Dieses Argument ist nicht ganz von der Hand zu weisen, denn schon der Apostel Paulus betonte: "Der Herr aber ist der Geist.“[6] Trotzdem verbleiben noch ein paar biblische Aussagen über den Geist, die auch damit nicht erklärt werden können. Auf diese schwierigen Texte möchte ich jetzt eingehen.

Ein Fürsprecher vor Gott

Von dem großen Apostel Paulus ist uns folgender zentraler Text über das Wesen des Geistes überliefert:

"Ebenso kommt aber auch der Geist unseren Schwachheiten zu Hilfe. Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich's gebührt; aber der Geist selbst tritt für uns ein mit unaussprechlichen Seufzern. Der aber die Herzen erforscht, weiß, was das Trachten des Geistes ist; denn er tritt so für die Heiligen ein, wie es Gott entspricht."
– Brief des Paulus an die Römer, Kapitel 8,26+27 (Schlachter-Übersetzung)

Diese komplizierte Aussage wird als ein Haupt-Argument für die Personalität des Geistes betrachtet. Der Geist wird hier Gott gegenübergestellt und als eine Art Vermittler zwischen Mensch und Gott beschrieben. Das spricht auf den ersten Blick doch stark dafür, dass er eine eigene Person ist, nicht wahr? Wäre er nur eine unpersönliche Kraft, könnte er freilich nicht für Menschen Fürsprache halten. Das Problem ist jedoch: Wenn die klassische Trinitätslehre stimmt, ist der Heilige Geist auch vollständig Gott. Dann kann er Gott aber nicht gegenübergestellt werden! Der Vers ist also für Trinitarier gleichermaßen schwierig zu verstehen wie für Unitarier. Meines Erachtens lässt sich dieses Problem nur lösen, wenn wir eine etwas dynamischere Sicht auf den Geist Gottes gewinnen.

Ich schlage vor, den „Geist Gottes“ zunächst als Gottes Denken und Wollen zu betrachten, also die Grundlage von Gottes Persönlichkeit. Doch dabei bleibt es nicht, denn Gottes Denkweise kann sich auf Menschen übertragen. Wenn Menschen lernen, so zu denken wie Gott, werden sie gleichsam vom Geist Gottes erfüllt und handeln dann „in seinem Sinne“ – in seinem Geist. Im Zentrum ihres Denkens stehen dann Dinge wie Barmherzigkeit, Liebe, Selbstlosigkeit und Demut. Wenn Paulus sagt, dass der Geist „unseren Schwachheiten zu Hilfe kommt“, bedeutet das meines Erachtens, dass wir durch Gottes Denkweise Situationen anders bewerten und neue Hoffnung und Kraft gewinnen können. Er meint das göttliche Denken in uns, das gewissermaßen für uns eintritt. Ich selbst versuche, Gottes Innerstes Denken und Wollen so gut wie möglich zu verstehen und danach zu leben, aber das, was ich tatsächlich sage oder tue, entspricht häufig überhaupt nicht dieser Denkweise. Meine Gebete sind oft respektlos und meine Taten egozentrisch, obwohl ich das in meinem Innersten nicht möchte. Doch Gott weiß, welcher Geist (welches Denken) tatsächlich in uns steckt, weil er unsere Herzen (unser Innerstes) erforscht. Gott sieht, wenn sein Geist in uns weht und wenn wir uns ehrlich bemühen, unsere Worte und Taten diesem Geist entsprechen zu lassen. Unsere Herzenshaltung betet (seufzt!) viel lauter als alles, was wir je in Worten formulieren könnten. Das will Paulus meiner Meinung nach sagen.

Die Tiefen der Gottheit

In einem anderen seiner Briefe berichtet Paulus von der Weisheit Gottes, die in Jesus Christus für jeden sichtbar wurde. Er erklärt, dass diese Weisheit bis zu der von Gott festgesetzten Zeit geheimnisvoll verborgen war, nun aber durch den Geist Gottes zugänglich ist:

"Uns aber hat es Gott offenbart durch den Geist; denn der Geist erforscht alle Dinge, auch die Tiefen Gottes. Denn welcher Mensch weiß, was im Menschen ist, als allein der Geist des Menschen, der in ihm ist? So weiß auch niemand, was in Gott ist, als allein der Geist Gottes."
– 1. Brief des Paulus an die Korinther, Kapitel 2,10+11

Aha! Wenn der Geist die "Tiefen Gottes" erforschen kann, muss er doch eine eigene Person und ein Teil der Dreieinigkeit sein, oder!? Diese Frage könnte einem in den Sinn kommen. Aber Paulus erklärt bereits im nächsten Satz, wie er das meint. Er zieht eine Parallele zwischen Gottes Geist und dem Geist, den jeder von uns Menschen in sich hat. Der menschliche Geist ist doch unser Bewusstsein, Denken und Planen. Dieser "innere Beobachter" weiß ganz genau, was in unserem Innersten vor sich geht. Doch würden wir unseren eigenen Geist als eine andere Person bezeichnen? Wohl kaum, wenn wir nicht gerade an einer dissoziativen Identitätsstörung leiden.

Genau so, sagt Paulus, ist es auch bei Gott. Das Innerste Denken Gottes ist der Geist Gottes. Und indem Jesus Christus uns diese tiefen Geheimnisse von Gottes Planen und Wollen mitteilte, übertrug er sozusagen Gottes Geist auf uns. Eigentlich ganz simpel.

Helfer und Lehrer

In seinem "geistigen Evangelium" bezeichnet der Apostel Johannes einen Aspekt des heiligen Geistes als "Parakletos"; ein griechisches Wort, das übersetzt "Beistand", "Fürsprecher", "Helfer" und "Tröster" bedeuten kann:

“Der Parakletos aber, der Heilige Geist, den der Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.“
– Evangelium nach Johannes, Kapitel 14,26

Wenn der Geist von JHWH gesendet wird, kann er auch hier kein Synonym für JHWH sein. Es ist aber auch schwer vorstellbar, wie eine unpersönliche Kraft lehren und erinnern soll. Aber muss der Geist deshalb unbedingt eine Person sein? Weiter oben hatte ich vorgeschlagen, den Geist vorwiegend als Gottes Denkweise zu verstehen. Gedanken und Willensbekundungen können sich manifestieren, indem sie aufgeschrieben werden. Deshalb möchte ich behaupten, dass wir in der Bibel Gottes Geist in schriftlicher Form haben. Paulus selbst sagte, das Wort Gottes sei das „Schwert des Geistes“.[7] In dieser Form erinnert und lehrt uns Gottes Geist an alles, was Jesus in unserer Welt gesagt und getan hat. Jesus hatte angekündigt, dass dieser besondere Beistand nur kommen würde, wenn er ihn nach seinem Tod von Gott aus senden würde:

"Aber ich sage euch die Wahrheit: Es ist gut für euch, dass ich hingehe [d.h. sterbe]; denn wenn ich nicht hingehe, so kommt der Parakletos nicht zu euch. Wenn ich aber hingegangen bin, will ich ihn zu euch senden."
– Evangelium nach Johannes, Kapitel 16,7

Hätte Jesus seine eigene radikale Lehre nicht bis zum Äußersten gelebt, wäre er vermutlich nicht am Kreuz hingerichtet worden. Dann wäre er aber auch nicht glaubhaft gewesen und vermutlich wäre uns bei Weitem nicht so viel über seine Predigt und sein Handeln überliefert. Doch nun haben viele Augenzeugen von Jesu Leben, Lehren und Sterben berichtet und so den Geist von Jesus und seinem Vater in Form des Neuen Testaments für die Nachwelt erhalten. Wie vorhergesagt wurde dieser "Helfer" den Christengemeinden erst einige Jahrzehnte nach Jesu Tod "gesandt", als nämlich die Evangelien und Briefe des Neuen Testaments gesammelt und vervielfältigt wurden. Um Missverständnisse zu vermeiden, sollte ich noch klarstellen: Die Bibel ist meiner Meinung nach ein wichtiger Zugang zu Gottes Geist (in unserer Zeit vielleicht der Wichtigste), aber Gottes Geist kann auch auf viele andere Weisen in unserer Welt wirken. Die Bibel ist eine Art "Träger" heiligen Geistes; sie ist nicht der Geist.

Wie eine Taube vom Himmel

Von Jesus Christus wird berichtet, dass der Geist Gottes auf ihn herabkam und auf ihm blieb, als er mit etwa 30 Jahren zu predigen begann:[8]

"Es geschah aber, als [...] Jesus getauft wurde und betete, da tat sich der Himmel auf, und der Heilige Geist stieg in leiblicher Gestalt wie eine Taube auf ihn herab, und eine Stimme ertönte aus dem Himmel, die sprach: Du bist mein geliebter Sohn; an dir habe ich Wohlgefallen!"
– Evangelium nach Lukas, Kapitel 3,21+22

Welch rätselhaftes Spektakel! Alle vier Evangelisten sind sich darin, dass der Geist "wie" eine Taube herabkam, aber das bedeutet nicht unbedingt, dass er wie eine Taube aussah. In dieser besonderen Situation gab Gott ein sichtbares Zeichen dafür, dass seine Kraft, sein Denken und Wollen nun auf einer ganz bestimmten Person ruhte. Das bedeutet noch lange nicht, dass der heilige Geist eine Person mit einer körperlichen Gestalt ist. Bei einer späteren Gelegenheit kam der Geist in der Gestalt von "Feuerzungen" auf die Jesus-Nachfolger herab.[9] Auch das war ein einzigartiges, göttliches Zeichen.

Nach meinem Verständnis bedeutet das: Ab dem Zeitpunkt der Taufe Jesu wirkte JHWH selbst durch seinen Geist ganz entschieden in Jesus. Der Mann aus Nazaret handelte vollständig im Geiste (d.h. im Sinne) JHWH's. Dafür muss der Geist keine Person sein. Jesus wurde nicht von einer anderen Person erfüllt (wie soll das gehen?), sondern er wurde erfüllt von JHWH’s Denken und Wollen. Kein Wunder schrieb Paulus, in Jesus wohne "die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig"[10] und der Autor des Hebräerbriefs nannte ihn "die Ausstrahlung von Gottes Herrlichkeit" und "den Ausdruck seines Wesens".[11] Jesus selbst stellte klar:

"Wer mich gesehen hat, der hat den Vater gesehen."
– Evanglium nach Johannes, Kapitel 14,9

Jede dieser Ehrfurcht gebietenden Aussagen macht völlig Sinn, wenn Jesus vom Geist JHWH's erfüllt war. Damit ist nicht gemeint, dass Jesus ein normaler Mensch war, der bei seiner Taufe zu einem Abbild des Vaters wurde (Adoptianismus). Er wurde nicht "adoptiert", sondern war schon vor seiner irdischen Geburt der Sohn Gottes. Ich denke aber, dass JHWH seit der Taufe in ganz besonderer Weise durch Jesus wirkte und dass Jesus von diesem Tag an Gottes Willen bedingungslos umsetzte.

Ausblick

Ich schlage vor, den heiligen Geist in erster Linie als göttliches Gedankengut und göttlichen Willen zu betrachten. Als solcher kann er durch Menschen erlebt werden und sogar in Wort und Schrift fixiert werden. Der Geist kommt von Gott, wirkt auf unsere Welt ein und ist in ihr verwoben. Für mein kleines Hirn ist das jedenfalls ein Weg, das Wirken des Geistes in der Bibel einigermaßen logisch und konsequent zu begreifen. Jede Definition darüber hinaus ist wahrscheinlich vergebens. Jesus selbst stellte klar, dass der Geist nicht wirklich festgelegt oder beschrieben werden kann:

"Der Wind (Pneuma) weht, wo er will, und du hörst sein Sausen; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er geht. So ist jeder, der aus dem Geist (Pneumatos) geboren ist."
– Evangelium nach Johannes, Kapitel 3,8

Interessant ist auch, dass der selbe Johannes, der diese Jesusworte überlieferte, am Ende seines Lebens Gottes Thron sehen durfte. Scheinbar konzentrierte sich der heilige Geist dort dermaßen stark, dass Johannes sogar von vielen Geistern sprach:

“Und von dem Thron gingen Blitze und Donner und Stimmen aus, und sieben Feuerfackeln brennen vor dem Thron, welche die sieben Geister Gottes sind.“
– Offenbarung Jesu Christi an Johannes, Kapitel 4,5

Im Endeffekt sehe ich keinen Grund, den heiligen Geist als eine zusätzliche Person der Gottheit zu betrachten. Genau so viel Grund gäbe es, ihn als zwei, drei, sieben oder tausend Personen zu verstehen – oder als eine Macht weit darüber hinaus.


Zum Weiterlesen

In den folgenden Artikeln werden ähnliche Themen behandelt:

Verwendete Literatur

[1] Evangelium nach Johannes, Kapitel 14,26
[2] Erster Brief des Paulus an die Korinther, Kapitel 12, 7-11
[3] Brief des Paulus an die Epheser, Kapitel 4,30
[4] Apostelgeschichte, Kapitel 10,19
[5] Apostelgeschichte, Kapitel 13,2
[6] 2. Brief des Paulus an die Korinther, Kapitel 3,17
[7] Brief des Paulus an die Epheser, Kapitel 6,17
[8] Siehe Parallelstelle im Evangelium nach Johannes, Kapitel 1,32
[9] Die Apostelgeschichte, Kapitel 2,4
[10] Brief des Paulus an die Kolosser, Kapitel 2,9
[11] Brief an die Hebräer, Kapitel 1,3