Autor: Xan | Lightwish.de
Letzte Änderung: 17. Oktober 2019 um 18:38 Uhr

Relief auf dem Triumphbogen des Titus in Rom. Abgebildet sind jüdische Gefangene und ein erbeuteter siebenarmiger Leuchter nach der Zerstörung Jerusalems im Jahr 70 n. Chr.


Eine neue Endzeit-Chronologie

Man sagt, das letzte Buch der Bibel – die Offenbarung Jesu Christi an Johannes – sei auch die verwirrendste und am schwierigsten auszulegende Schrift der alten Christenheit. Aufgrund der darin enthaltenen massiven symbolhaften Darstellungen der Apokalypse gehen die Auslegungen frommer Forscher bei der Offenbarung so weit auseinander wie bei kaum einem anderen theologischen Thema.

Dreieinhalb Zeiten und 70 Siebener

Der Hauptunterschied der meisten Auslegungen liegt in der Frage, wie und wann die mysteriösen „dreieinhalb Zeiten“ (Kap. 12,14), die „42 Monate“ (Kap. 11,2 und 13,5) und die „1260 Tage“ (Kap. 11,3 und 12,6) anzusiedeln sind, innerhalb derer die wichtigsten Ereignisse der Offenbarung stattfinden. Meinen alle drei Ausdrücke den selben Zeitraum (dreieinhalb Jahre) oder Verschiedene? Liegt der Zeitraum bereits in der Vergangenheit oder in der Zukunft?

Die meisten Bibelforscher sind sich darin einig, dass dieses Rätsel nur in Kombination mit einer anderen Zeitangabe im biblischen Buch Daniel gelöst werden kann. Beim Propheten Daniel ist die Rede davon, dass „70 Siebener“ über Israel bestimmt sind. Das Wort für „Siebener“ geben die meisten deutschen Übersetzungen mit „Wochen“ wieder. Gemeint ist, dass von der Zeit Daniels bis zum Kommen des von Gott angekündigten „Gesalbten“ (Jesus Christus) noch 70 x 7 Jahre vergehen würden – in Summe also 490 Jahre. Im Bibeltext klingt das so:

„Über dein Volk und über deine heilige Stadt sind 70 Wochen bestimmt, um der Übertretung ein Ende zu machen und die Sünden abzutun, um die Missetat zu sühnen und eine ewige Gerechtigkeit herbeizuführen, um Gesicht und Weissagung zu versiegeln und ein Allerheiligstes zu salben. So wisse und verstehe: Vom Erlass des Befehls zur Wiederherstellung und zum Aufbau Jerusalems bis zu dem Gesalbten, dem Fürsten, vergehen 7 Wochen und 62 Wochen; Straßen und Gräben werden wieder gebaut, und zwar in bedrängter Zeit. Und nach den 62 Wochen wird der Gesalbte ausgerottet werden, und ihm wird nichts zuteilwerden; die Stadt aber samt dem Heiligtum wird das Volk des zukünftigen Fürsten zerstören, und sie geht unter in der überströmenden Flut; und bis ans Ende wird es Krieg geben, fest beschlossene Verwüstungen. Und er wird mit den Vielen einen festen Bund schließen eine Woche lang; und in der Mitte der Woche wird er Schlacht- und Speisopfer aufhören lassen, und neben dem Flügel werden Gräuel der Verwüstung aufgestellt, und zwar bis die fest beschlossene Vernichtung sich über den Verwüster ergießt.“
– Daniel 9, 24-27 (Schlachter-Übersetzung)

Der Text sagt, dass 62 + 7 = 69 (Jahr-)Wochen = 483 Jahre vergehen werden, bis der Gesalbte auftreten würde. Diese Jahre lassen sich im historischen Kontext auch wunderbar zwischen dem Befehl zum Wiederaufbau Jerusalems und dem öffentlichen Wirken von Jesus aus Nazaret unterbringen. Doch danach folgt noch eine letzte Woche (sieben Jahre). Am Anfang dieser letzten Woche wird ein „fester Bund“ geschlossen und in der Mitte werden „Schlacht- und Speisopfer aufhören“ und (stattdessen) ein „Gräuel der Verwüstung“ aufgestellt. Die letzten sieben Jahre werden also nochmals unterteilt in 2 x 3,5 Jahre, und dieser Zeitraum ist genau so lang wie die Angaben in der Offenbarung. Dass das ein Zufall ist, glaubt eigentlich niemand.

Die entscheidende Frage ist: Besteht zwischen der 69. und der 70. Jahrwoche womöglich ein unbestimmter Zeitraum, oder folgen alle 70 Jahrwochen lückenlos hintereinander? Da der „feste Bund“ und der „Gräuel der Verwüstung“ schwer zu deuten sind und da der Text selbst einen Einschub zwischen der 69. und der 70. Jahrwoche andeutet (Vers 26: „bis ans Ende“), sind einige zu der Annahme gelangt, die letzten sieben Jahre lägen für uns noch in der Zukunft. Andernfalls wären die dreieinhalb Jahre der Offenbarung auch schon Vergangenheit oder sie beziehen sich gar nicht auf die Angaben bei Daniel. Und schließlich wäre noch zu klären, ob die dreieinhalb Jahre der Offenbarung die erste Hälfte der 70. Jahrwoche meinen – oder die zweite Hälfte. Aus diesem ganzen numerischen Chaos entsteht nun eine Reihe verschiedener eschatologischer Lehrmeinungen:

Die präteristische Interpretation

Der Präterismus (Präteritum = Vergangenheit) sagt, die 70 Jahrwochen fügen sich lückenlos aneinander. Das ist die natürlichste Annahme. Die sieben Jahre der letzten Jahrwoche seien demnach bereits vergangen, und zwar sei die erste Hälfte davon das dreieinhalbjährige öffentliche Wirken von Jesus Christus. Der Mann aus Nazaret bestärkte bzw. festigte dreieinhalb Jahre lang den Bund, den Gott mit den Menschen am Berg Sinai geschlossen hatte, indem er zur Buße aufrief und schließlich den Bund beim Abendmahl erneuerte. Die zweite Hälfte der letzten Jahrwoche sei das Wirken der Apostel speziell unter den Juden, bevor sie sich auch an andere Nationen wandten. Das „Aufhören von Schlacht- und Speiseopfern“ sei so zu verstehen, dass durch den Opfertod Jesu am Kreuz keine weiteren Tieropfer mehr nötig sind. Und der „Gräuel der Verwüstung“ meint die Zerstörung Jerusalems im Jahr 70 unserer Zeit. Das „Reich Gottes“, das durch den Gesalbten aufgerichtet werden sollte, sei mit der christlichen Kirche bereits angebrochen. Die dreieinhalb Zeiten der Offenbarung seien nicht als Jahre zu verstehen sondern meinen einen für uns ungewissen, aber von Gott definierten, überschaubaren Zeitraum. Diese Sicht ist weit verbreitet in der römisch-katholischen Kirche.

Die historisierende Interpretation

Diese Auslegung hat große Gemeinsamkeiten mit dem Präterismus, sieht jedoch die dreieinhalb Zeiten und damit die Ereignisse der Offenbarung als eine Skizzierung der Kirchengeschichte. Das Papsttum wird mit dem Antichristen identifiziert. Im Protestantismus ist diese Lehre gängig.

Die allegorisierende Interpretation

Diese Sichtweise geht davon aus, die Zeiträume der Offenbarung seien grundsätzlich nur symbolisch zu verstehen und hätten gar keinen chronologischen Wert. Viel mehr gehe es um geistliche Prinzipien und Zusammenhänge.

Die futuristische Interpretation

Die unter freikirchlichen Christen wohl am weitesten verbreitete Meinung besagt, dass die Periode von 7 Jahren irgendwann in baldiger Zukunft anbrechen wird, innerhalb derer ein bösartiger Weltherrscher – der Antichrist – in einem wiederhergestellten römischen Weltreich regieren wird. Das sei der „kommende Fürst“ (Daniel 9,26), dessen Volk (die Römer) Jerusalem im Jahr 70 n. Chr. zerstörte. In der ersten Hälfte dieser 7 Jahre (also dreieinhalb Jahre lang) wird der Antichrist einen „festen Bund“ mit Israel schließen, den er jedoch in der Mitte der Woche brechen wird. Die zweite Hälfte der 7 Jahre wird dann von schlimmer Verfolgung sowie Juden- und Christenhass gekennzeichnet sein. Das sei die „große Drangsal“ oder „Trübsal“. Das „Gräuel der Verwüstung“ ist dann eine Art Götzenbild des Antichristen in einem wieder errichteten Tempel in Jerusalem. Jesus Christus wird schließlich entweder am Anfang, in der Mitte oder am Ende dieser 7 Jahre zurück auf die Erde kommen und sein ewiges Friedensreich errichten. Diese Sichtweise nimmt viele Aussagen der Offenbarung wörtlich.

Neue Überlegungen

Alle diese Überlegungen haben ihre Stärken und Schwächen. Nach einem etwa einjährigen Studium der Offenbarung gemeinsam mit anderen Gehirn-Akrobaten finde ich aber keine der verbreiteten Theorien zufriedenstellend. Wir möchten dagegen eine Theorie vorschlagen, von der ich bisher noch nirgendwo gehört habe. Es ist eine Kombination aus Präterismus und Futurismus. Ausgangspunkt ist eine alternative Übersetzung des entscheidenden Verses über die „Mitte der Woche“ bei Daniel. Dass der Vers schwer zu deuten ist, zeigt sich schon durch einen Vergleich der beiden bekannten Bibel-Übersetzungen Luther und Schlachter:

„Und er wird mit den Vielen einen festen Bund schließen eine Woche lang; und in der Mitte der Woche wird er Schlacht- und Speisopfer aufhören lassen, und neben dem Flügel werden Gräuel der Verwüstung aufgestellt, und zwar bis die fest beschlossene Vernichtung sich über den Verwüster ergießt.“
– Daniel 9,27 (Schlachter-Übersetzung)

„Er wird aber vielen den Bund schwer machen eine Woche lang. Und in der Mitte der Woche wird er Schlachtopfer und Speisopfer abschaffen. Und im Heiligtum wird stehen ein Gräuelbild, das Verwüstung anrichtet, bis das Verderben, das beschlossen ist, sich über den Verwüster ergießen wird.“
– Daniel 9,27 (Luther-Übersetzung)

Wer ist der „Er“ am Anfang des Verses? Bezieht sich das auf den zuvor genannten „Gesalbten“ oder auf den „kommenden Fürsten“, dessen Volk Jerusalem zerstören wird? Je nach dem ist der „Bund“, den er schließt, in der Vergangenheit oder in der Zukunft anzusiedeln. Und wird der Bund nun „fest“ oder „schwer“ gemacht? Das dahinter stehende hebräische Wort kann beides bedeuten. Die Antworten auf diese Fragen sind wegbereitend für die weitere Auslegung der biblischen Apokalypse.

Unserer bescheidenen Meinung nach bezieht sich das „Er“ auf den Gesalbten Jesus, denn um ihn geht es in dem Text. Der „kommende Fürst“ wird nur nebenbei erwähnt um zu erklären, wodurch Jerusalem zerstört wird. Bis hierhin folgen wir der präteristischen Auslegung und sehen in dem „fest machen“ oder „stärken“ des Bundes ebenfalls die dreieinhalb Jahre des öffentlichen Wirkens Jesu. In gewissem Sinne hat Jesus seinen Zuhörern den Bund sogar „schwer“ gemacht, indem er klar und deutlich betonte, dass die Gesetze des Mose vom Sinai-Bund unumstößlich und bis zum Tod galten. Wir denken auch, dass Jesus die Opfer in dem Sinne „aufhören“ ließ, dass sein Leben und Sterben weitere Tieropfer unnötig machte, denn in Jesus war alles erfüllt, was das Gesetz forderte. Jesus stärkte den Bund dreieinhalb Jahre, und dann, genau wie es der Text sagt, starb er in der Mitte der Jahrwoche als das endgültige und letzte „Opfer“.

Doch was ist mit der zweiten Hälfte der Jahrwoche? Darin die apostolische Zeit zwischen dem Tod Jesu und der Steinigung des Stephanus (Apostelgeschichte 8,1) zu sehen (wie es die meisten Präteristen tun), halte ich für problematisch, denn aus dem Bibeltext geht nicht hervor, wie viel Zeit dazwischen verging. Außerdem heißt es, der Gesalbte selbst würde den Bund bestärken, nicht seine Nachfolger. Das ist eine Schwäche des Präterismus. Deshalb möchten wir von folgender Überlegung ausgehen: Nur die zweite Hälfte der 70. Jahrwoche liegt noch in der Zukunft. Der Präterismus will die gesamte 70. Jahrwoche in der Vergangenheit haben, der Futurismus dagegen die gesamte Woche in der Zukunft. Könnte womöglich in beidem die halbe Wahrheit stecken? Um die Jahrwoche in die Zukunft zu legen, muss ein Zeitraum von bald 2000 Jahren zwischen die 69. und die 70. Jahrwoche eingefügt werden. Aber was wäre, wenn der Zeitraum stattdessen in der Mitte der 70. Woche eingefügt werden muss?! Dann stünden noch genau dreieinhalb Jahre aus – exakt der Zeitraum, den die Offenbarung behandelt. Wir sind also auch der Meinung, dass die verschiedenen Angaben in der Offenbarung (42 Monate, 1260 Tage, dreieinhalb Zeiten) alle den gleichen Zeitraum meinen und parallel verlaufen. Sie müssen nicht zusammengezählt werden, damit 7 Jahre entstehen.

Der Gräuel der Verwüstung

Von dem „Gräuel der Verwüstung“ sagt der Bibeltext nicht, dass er genau in der Mitte der Jahrwoche aufgestellt wird, sondern nur, dass er innerhalb oder sogar nach der Jahrwoche dort stehen wird. Darin halten wir uns wieder an den Präterismus, der in dem „Gräuel“ die Zerstörung Jerusalems 70 n. Chr. sieht. Jesus selbst erwähnt den „Gräuel“ in seiner berühmten Ölberg-Rede, die uns von allen drei synoptischen Evangelisten (Matthäus, Markus, Lukas) überliefert ist. Die Rede verläuft in allen drei Berichten weitgehend parallel, variiert jedoch an einigen Stellen. Hier sind die entscheidenden Sätze:

Matthäus 24,15-21: „Wenn ihr nun den Gräuel der Verwüstung, von dem durch den Propheten Daniel geredet wurde, an heiliger Stätte stehen seht (wer es liest, der achte darauf!), dann fliehe auf die Berge, wer in Judäa ist; wer auf dem Dach ist, der steige nicht hinab, um etwas aus seinem Haus zu holen, und wer auf dem Feld ist, der kehre nicht zurück, um seine Kleider zu holen. Wehe aber den Schwangeren und den Stillenden in jenen Tagen! Bittet aber, dass eure Flucht nicht im Winter noch am Sabbat geschieht. Denn dann wird eine große Drangsal sein, wie von Anfang der Welt an bis jetzt keine gewesen ist und auch keine mehr kommen wird.“

Markus 13,14-19: „Wenn ihr aber den Gräuel der Verwüstung, von dem durch den Propheten Daniel geredet wurde, da stehen seht, wo er nicht soll (wer es liest, der achte darauf!), dann fliehe auf die Berge, wer in Judäa ist; wer aber auf dem Dach ist, der steige nicht hinab ins Haus und gehe auch nicht hinein, um etwas aus seinem Haus zu holen; und wer auf dem Feld ist, der kehre nicht zurück, um sein Gewand zu holen. Wehe aber den Schwangeren und den Stillenden in jenen Tagen! Bittet aber, dass eure Flucht nicht im Winter geschieht. Denn jene Tage werden eine Drangsal sein, wie es keine gegeben hat von Anfang der Schöpfung, die Gott erschuf, bis jetzt, und wie es auch keine mehr geben wird.“

Lukas 21, 20-24: „Wenn ihr aber Jerusalem von Kriegsheeren belagert seht, dann erkennt, dass seine Verwüstung nahe ist. Dann fliehe auf die Berge, wer in Judäa ist; und wer in [Jerusalem] ist, der ziehe fort aus ihr; und wer auf dem Land ist, der gehe nicht hinein in sie. Denn das sind Tage der Rache, damit alles erfüllt werde, was geschrieben steht. Wehe aber den Schwangeren und den Stillenden in jenen Tagen! Denn es wird große Not im Land sein und Zorn über dieses Volk! Und sie werden fallen durch die Schärfe des Schwerts und gefangen weggeführt werden unter alle Heiden. Und Jerusalem wird zertreten werden von den Heiden, bis die Zeiten der Heiden erfüllt sind.“

Hast du es bemerkt? Matthäus und Markus erwähnen den Gräuel der Verwüstung, doch Lukas (der für griechische Leser schrieb) verwendet diesen religiösen Begriff des Daniel-Buches nicht, sondern sagt frei heraus: „Wenn ihr Jerusalem von Kriegsheeren belagert seht!“ Damit verrät er uns indirekt, dass mit dem Gräuel der Verwüstung die Belagerung und anschließende Verwüstung von Jerusalem im Jahr 70 gemeint ist. Viele futuristische Theologen möchten diese Zeit der „großen Drangsal“ gern in die Zukunft verschieben und meinen deshalb, Lukas überliefere uns eine andere Rede als Matthäus und Markus. Einmal habe sich Jesus auf die Zerstörung Jerusalems im Jahr 70 bezogen, und bei einer anderen Gelegenheit sprach er von einer noch zukünftigen Zerstörung Jerusalems. Doch da die lange Endzeit-Rede Jesu bei allen drei Evangelisten inhaltlich und großteils auch wörtlich völlig parallel verläuft, scheint mir das ein ziemlich konstruiertes Argument zu sein.

Die große Drangsal

Wie geschrieben steht, wird die Zerstörung Jerusalems und die Zeit des „Gräuels der Verwüstung“ eine Zeit großer Drangsal für Israel sein, wie es seit Anbeginn der Schöpfung keine gegeben hat und nie wieder eine geben wird. Nun, die Belagerung und Eroberung der Heiligen Stadt im Jahr 70 unserer Zeit war laut dem Geschichtsschreiber Flavius Josephus gewiss schrecklich, aber war sie wirklich so furchtbar, dass es in der ganzen Weltgeschichte nichts Schlimmeres für das Volk der Juden gegeben hat? War sie schlimmer als die Juden-Vernichtung der Nazis unter Hitler? In Zahlen gemessen sicher nicht. Und selbst wenn: Im Buch des Propheten Daniel ist ebenfalls von einer Drangsal die Rede, so furchtbar wie keine zuvor, und diese Drangsal wird eindeutig in unserer Zukunft stattfinden, zur Zeit der Auferstehung der Toten. Das ist ein wichtiger Grund dafür, dass im Futurismus die 70. Jahrwoche in der Zukunft gesehen wird:

„Zu jener Zeit wird sich der große Fürst Michael erheben, der für die Kinder deines Volkes einsteht; denn es wird eine Zeit der Drangsal sein, wie es noch keine gab, seitdem es Völker gibt, bis zu dieser Zeit. Aber zu jener Zeit wird dein Volk gerettet werden, jeder, der sich in dem Buch eingeschrieben findet. Und viele von denen, die im Staub der Erde schlafen, werden aufwachen; die einen zum ewigen Leben, die anderen zur ewigen Schmach und Schande.“
– Daniel 12,1+2

Wir stehen also vor dem Problem, dass die „große Drangsal“, von der die drei Evangelisten berichten, bereits im Jahr 70 stattgefunden hat, und die „große Drangsal“, von der Daniel berichtet, noch stattfinden wird. Es kann sich aber auch nicht um zwei Drangsale handeln, denn es wird beide Male ausdrücklich gesagt, dass die Drangsal so heftig ist wie keine zuvor und keine danach.

Lange haben wir darüber nachgedacht.

Und schließlich fiel es uns wie Schuppen von den Augen: Wir leben heute (immer noch) in der großen Drangsal für Israel! Die „Zeiten der Heiden“, die Lukas erwähnt, sind gleichzeitig die Zeit der großen Drangsal für Israel. Genau das sagte der Evangelist doch: „Jerusalem wird zertreten werden von den Heiden, bis die Zeiten der Heiden erfüllt sind“ (Lukas 21,24). Er sagt das an genau der Stelle, an der die anderen Evangelisten von der großen Drangsal berichten. Bisher gingen Futuristen immer davon aus, dass die große Drangsal nur innerhalb der letzten dreieinhalb Jahre der 70. Jahrwoche stattfinden wird, aber das ist nur eine Annahme. Man hat die „Größe“ der Drangsal immer auf die Intensität bezogen, aber was wäre, wenn sie viel mehr auf die extreme Dauer bezogen werden muss? Die Drangsal ist dann „groß“ im Sinne von lang! Damit würde alles Sinn ergeben: Die Evangelisten haben Recht damit, dass die Drangsal mit der Zerstörung Jerusalems im Jahr 70 beginnt, und Daniel hat Recht damit, dass sie bis zur Zeit der Auferstehung der Toten andauern wird. Tatsächlich leben die Juden seit der römischen Belagerung in ständiger Rastlosigkeit und Verfolgung, und selbst heute, da sie wieder einen eigenen Staat haben, ist die Angst vor dem Raketenbeschuss und den Terror-Anschlägen der feindlichen Nachbarn ringsum ein ständiger Begleiter.

Diese Überlegung bietet eine ganze Reihe neuer, zutiefst spannender Auslegungsmöglichkeiten. Zum Beispiel: Was für ein „Gräuel“ (aus israelischer Sicht) steht heute noch seit hunderten von Jahren neben (oder Anstelle des) jüdischen Heiligtums auf dem Tempelberg in Jerusalem? Und ist es nicht so, dass seit dem Jahr 70 die Schlacht- und Speisopfer in Israel aufgehört haben, weil kein Tempel existiert?

Die kompliziert hergeleitete Idee einer „Vor-Entrückung“, in der Jesus seine Gemeinde heimlich in den Himmel holen wird, um sie vor der großen Drangsal zu bewahren, ist dann auch unnötig. Die Entrückung, von der der Apostel Paulus spricht (1. Thessalonicher 4,17), fällt schlicht und ergreifend mit der Wiederkunft Christi zusammen.

Die Mitte der Woche

Die Zeit seit dem Tod Jesu bis zu seiner Wiederkunft am Ende des Zeitalters ist also die „Mitte der Woche“, von der Daniel spricht. In der Tat wird der Gesalbte Jesus eine ganze Woche lang den Bund bestärken, wie Daniel schrieb: Dreieinhalb Jahre hat er es als Mensch auf Erden getan, und weitere dreieinhalb Jahre lang wird er es noch tun (womöglich auch durch die „zwei Zeugen“, von denen in Offenbarung Kapitel 11,3 die Rede ist). Im Endeffekt möchten wir folgende Übersetzung des Bibeltextes vorschlagen, von dem wir ausgegangen sind:

„Er wird aber den Vielen den Bund stark machen eine Woche lang. Und in der Mitte der Woche wird er Schlachtopfer und Speisopfer aufhören lassen. Und neben dem Heiligtum wird ein Gräuel der Verwüstung aufgestellt sein, und zwar bis die fest beschlossene Vernichtung sich über den Verwüster ergießt.“
– Daniel 9,27

Um die ganze Theorie einmal übersichtlich darzustellen und in der Bibel zu verankern, habe ich eine Grafik erstellt, die eine neue „Endzeit-Chronologie“ vorschlägt, soweit das möglich ist. Die Datei ist ziemlich groß geworden und deshalb nur als PDF verfügbar. Trotzdem hoffe ich, dass möglichst viele Menschen kritisch darüber schauen und uns auf Logik- oder Auslegungsfehler aufmerksam machen werden. Das Schaubild versteht sich nicht als festgelegte Endgültigkeit, sondern viel mehr als Arbeits- und Verständnishilfe, die nach Bedarf korrigiert und ergänzt werden soll.

Zur Zeit gehen wir davon aus, dass die Offenbarung nicht streng chronologisch zu verstehen ist, sondern in drei große Abschnitte aufgeteilt ist, die mehr oder weniger parallel verlaufen. Jeder Abschnitt erzählt die selben Ereignisse aus unterschiedlichen Blinkwinkeln und mit anderen Schwerpunkten:

I. Kapitel 1–11 erzählt mit den sieben Siegeln und den sieben Posaunen eine Art Überblick oder Gesamtrahmen.
II. Kapitel 12–14 beschreibt besonders die Herkunft, Absicht und das Schicksal des anti-göttlichen "Tieres".
III. Kapitel 15–22 erzählt mit den sieben Schalen noch einmal im Detail das letzte Gericht und die Wiederherstellung aller Dinge.

Die Ereignisse aus dem Buch Daniel (grün) verlaufen ebenfalls parallel dazu und lassen sich verblüffend genau in Übereinstimmung bringen. Dazu wird die Chronologie durch wichtige Kern-Aussagen aus den prophetischen Büchern Hesekiel, Sacharja und Joel (blau) und durch die Aussagen von Jesus und Paulus (lila) abgerundet.