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Letzte Änderung: 12. Januar 2019 um 16:38 Uhr

Rom im Film "Gladiator" von Ridley Scott


Die sieben Königreiche der Menschen

Der Prophet Daniel sagte voraus, dass das jüdische Volk in Zukunft noch vier verschiedenen Weltreichen unterworfen sein würde. Der Seher Johannes ergänzt diese prophetische Sicht auf insgesamt sieben große Königreiche der Menschen.

Im frühen 6. Jahrhundert v. Chr. diente ein junger Jude namens Daniel am Hofe des neubabylonischen Königs Nebukadnezar (640-562 v. Chr.). Gott hatte Daniel mit großer Weisheit und Einsicht gesegnet und ihm göttliche Geheimnisse offenbart, die seine Vorstellungskraft maßlos überstiegen. Einerseits war Daniel mit Gottes Hilfe in der Lage, Träume zu deuten, und andererseits erschien ihm mehrfach der Engel Gabriel, der ihm die zukünftige Weltpolitik detailreich erklärte. Glücklicherweise befahl der himmlische Bote auch, seine Worte für die Nachwelt aufzuschreiben:

"Fürchte dich nicht, Daniel! Denn von dem ersten Tag an, da du dein Herz darauf gerichtet hast, zu verstehen und dich vor deinem Gott zu demütigen, sind deine Worte erhört worden, […] So bin ich nun gekommen, um dir Einblick darüber zu geben, was deinem Volk am Ende der Tage begegnen wird; denn das Gesicht bezieht sich wiederum auf fernliegende Tage! […] Du aber, Daniel, verschließe diese Worte und versiegle das Buch bis zur Zeit des Endes! Viele werden darin forschen, und die Erkenntnis wird zunehmen.
– Prophet Daniel, Kapitel 10,12+14 und 12,4

Die Traumbilder

Im zweiten und siebten Kapitel des Daniel-Buches beschreibt der Prophet zwei Träume von besonderer Wichtigkeit. Den ersten Traum hatte König Nebukadnezar, der darüber in Ratlosigkeit und Schrecken geriet:

"Du, o König, schautest, und siehe, ein erhabenes Standbild. Dieses Bild war gewaltig und sein Glanz außergewöhnlich; es stand vor dir, und sein Anblick war furchterregend. Das Haupt dieses Bildes war aus gediegenem Gold, seine Brust und seine Arme aus Silber, sein Bauch und seine Lenden aus Erz, seine Oberschenkel aus Eisen, seine Füße teils aus Eisen und teils aus Ton. Du sahst zu, bis sich ein Stein losriss ohne Zutun von Menschenhänden und das Bild an seinen Füßen traf, die aus Eisen und Ton waren, und sie zermalmte. Da wurden Eisen, Ton, Erz, Silber und Gold miteinander zermalmt; und sie wurden wie Spreu auf den Sommertennen, und der Wind verwehte sie, so dass keine Spur mehr von ihnen zu finden war. Der Stein aber, der das Bild zertrümmert hatte, wurde zu einem großen Berg und erfüllte die ganze Erde."
– Prophet Daniel, Kapitel 2,31-35

Der zweite Traum hat die selbe Bedeutung wie der Erste und stammt von Daniel selbst. Er hatte ihn etwa 50 Jahre später als alter Mann:

"Ich sah bei Nacht in meinem Gesicht, und siehe, die vier Winde des Himmels brachen los auf das große Meer; und vier große Tiere stiegen aus dem Meer empor, jedes verschieden vom anderen:

Das erste glich einem Löwen und hatte Adlerflügel. Ich schaute, bis ihm die Flügel ausgerissen wurden und es von der Erde aufgerichtet und wie ein Mensch aufrecht auf seine Füße gestellt wurde und wie ihm ein menschliches Herz gegeben wurde. Und siehe, das andere, zweite Tier glich einem Bären; und es war nur auf einer Seite aufgerichtet und hatte drei Rippen in seinem Maul zwischen seinen Zähnen; und es wurde zu ihm so gesprochen: Steh auf, friss viel Fleisch! Danach schaute ich weiter und siehe, ein anderes [Tier] wie ein Panther; das hatte vier Vogelflügel auf seinem Rücken; auch vier Köpfe hatte dieses Tier, und ihm wurde Herrschaft verliehen.

Nach diesem sah ich in den Nachtgesichten und siehe, ein viertes Tier, furchterregend, schrecklich und außerordentlich stark; es hatte große eiserne Zähne, fraß und zermalmte und zertrat das Übrige mit den Füßen; es war ganz anders als alle vorherigen Tiere und hatte zehn Hörner."

– Prophet Daniel, Kapitel 7,2-7

Nur Daniel war in der Lage, beide Träume zu erklären: Sowohl die Teile der Statue als auch die Tiere repräsentieren vier aufeinander folgende Weltreiche. Darunter versteht sich in diesem Zusammenhang entweder ein Reich, das über die gesamte bekannte Welt herrscht oder zumindest die Vorherrschaft über weite Teile der Welt innehat. In der biblischen Symbolik steht das Meer (bzw. Wasser) für die Völker der Erde (das Völkermeer).[1] Daniel sah also durch Winde, d.h. durch politische Umwälzungen oder Kriege, vier Königreiche aus den Völkern hervorgehen. Doch wie jede menschliche Regierung irgendwann untergeht, würden auch die Weltreiche von einem "Stein" zermalmt werden. Ob die Deutung der Träume richtig war, lässt sich heute durch einen Blick in die Geschichtsbücher leicht herausfinden. Dabei wird sich zeigen, dass Israel seit der Gefangenschaft in Babylon tatsächlich vier Weltreichen unterworfen war, und zwar nur vier.

Das erste Weltreich: Babylon

Löwen an den Mauern Babylons, Pergamon-Museum, Berlin (c) Lightwish.deLöwen an den Mauern Babylons, Pergamon-Museum, Berlin (c) Lightwish.de

Das erste Weltreich wird von Daniel definitiv als das damals herrschende, neubabylonische Reich angegeben. Der geflügelte Löwe aus Daniels Traum, ein Wappentier Babylons, repräsentiert das Reich ebenso wie der Kopf aus Gold:

"... Du [König Nebukadnezar] bist das Haupt aus Gold!"
– Prophet Daniel, Kapitel 2,38

Nebukadnezar war bekannt für seine mächtigen Bauwerke wie die Hängenden Gärten oder die Prozessionsstraße zum Ishtar-Tor. Die Hauptstadt Babylon war der Inbegriff des Reichtums und der Dekadenz, und der König hatte sprichwörtlich nur Gold im Kopf. Zur Zeit der Visionen Daniels befanden sich die Juden dort in Gefangenschaft. Für Daniel war das also noch keine Zukunfts-Prophezeiung, sondern Gegenwart.

Das zweite Weltreich: Medo-Persien

Das persische Heer im Film "300" von Zack SnyderDas persische Heer im Film "300" von Zack Snyder

Das babylonische Reich stürzte einige Jahre später durch die militärische Gewalt des Königs Kyrus II. Von da an waren die Meder und Perser die führende Macht in der Welt:

"Nach dir aber wird ein anderes Reich aufkommen, geringer als du; ..."
– Prophet Daniel, Kapitel 2,39

In den Träumen wird Medo-Persien durch die silberne Brust und den Bären dargestellt. Dass der Bär nur zu einer Seite hin aufgerichtet war, illustriert das Ungleichgewicht in diesem Doppelreich: Die Perser waren das mächtigere der beiden Völker und übernahmen die Führerschaft. Doch sie waren nicht so mächtig wie zuvor Babylonien. Die drei Rippen, die der Bär im Maul trug, könnten für die drei Länder stehen, die Persien "fraß", also eroberte: Lydien, Babylon und Ägypten.[2]

Eine antike Aufzeichnung behauptet, dass die Truppen des medischen Feldherren Ugbaru bei der Belagerung Babylons einen Graben ausgehoben hatten, um das Wasser des Euphrats umzuleiten und dadurch den Wasserpegel zu senken. Da der Fluss die Stadt durchzog, konnten die Belagerer durch das Flussufer die dicken Mauern umgehen und in die Stadt eindringen, während der babylonische Regent Belsazar ahnungslos in seinem Palast feierte.[3] Belsazar starb noch in der selben Nacht, wovon auch Daniel in seinem Buch berichtet.[4] Das folgende persische Reich übertraf Babylon an Ausdehnung, verlor aber dessen Pracht und Standhaftigkeit.

Das dritte Weltreich: Griechenland

König Leonidas und das griechische Heer im Film "300" von Zack SnyderKönig Leonidas und das griechische Heer im Film "300" von Zack Snyder

Das persische Reich brach seinerseits zusammen, als Alexander der Große im Jahre 333 v. Chr. die Heere Darius III. in der Schlacht zu Issos besiegte.[5] Eine ebenso entscheidende Schlacht zwischen den Persern und den Griechen wurde bei den Thermophylen ausgetragen, als sich König Leonidas (der Legende nach mit nur 300 tapferen Soldaten) dem gesamten Perser-Heer entgegenstellte. So begann die 150-jährige Herrschaft der Griechen über Judäa:

"… Und ein nachfolgendes drittes Königreich, das eherne, wird über die ganze Erde herrschen."
– Prophet Daniel, Kapitel 2,39

Der Feldzug Alexanders führte mit enormer Geschwindigkeit von Griechenland über Ägypten bis Indien. In nur zehn Jahren zwang der brillante Stratege quasi die gesamte bekannte Welt unter seine Herrschaft,[6] weshalb das Reich als geflügelter Panther dargestellt wird. Niemand vermochte ihn aufzuhalten, bis eine tödliche Tropenkrankheit dem Wahn ein Ende bereitete – der Preis für seine weiten Reisen. Der Stärke Alexanders beraubt, zerfiel das Reich. Doch bevor es vom vierten Weltreich abgelöst wurde, folgte eine Zeit politischer Wirren.

Untergang des Griechischen Reiches

Der Prophet hatte einen weiteren Traum, in dem ein Widder gegen einen Ziegenbock kämpfte. Dieser Traum stellt den Krieg zwischen Persien und Griechenland dar. Der Ziegenbock, also Griechenland, trug den Sieg davon. Doch danach brach das Horn auf dem Kopf des Ziegenbocks (das Alexander darstellt) ab und wurde durch vier weitere Hörner ersetzt. Hörner sind in der Bibel immer ein Symbol für Macht und Königreiche. Diese vier Hörner wurden im vorigen Traum analog durch die vier Köpfe und die vier Flügel des Panthers dargestellt.

"Der Widder mit den beiden Hörnern, den du gesehen hast, das sind die Könige der Meder und Perser. Der zottige Ziegenbock aber ist der König von Griechenland; und das große Horn zwischen seinen beiden Augen, das ist der erste König. Dass es aber zerbrach und an seiner Stelle vier andere aufgekommen sind, bedeutet, dass aus diesem Volk vier Königreiche entstehen werden, doch nicht mit der Macht, die jener hatte."
– Prophet Daniel, Kapitel 8,20-22

Die griechischen Diadochen-Reiche nach 301 v. Chr. (c) Captain_Blood, Wikipedia.deDie griechischen Diadochen-Reiche nach 301 v. Chr. (c) Captain_Blood, Wikipedia.de

Alexander der Große starb überraschend im Jahr 323 v. Chr. Angeblich habe er verlauten lassen, er werde dem Stärksten unter seinen Feldherren sein Reich übergeben. Darüber herrschte natürlich keine Einigkeit, und so kam es zu einem ständigen Machtwechsel zwischen Alexanders Söhnen und seinen Generälen (den so genannten Diadochen), während sie sich im Streit um die einzelnen Teile des Reiches die Schädel einschlugen. Erst nach der Schlacht von Ipsos (301 v. Chr.) stellte sich, wie vorhergesagt, ein gewisses Gleichgewicht ein, das vier mächtige Diadochen-Könige hervorbrachte:[7]

– Lysimachos in Thrakien
– Ptolemaios in Ägypten
– Seleukos in Syrien und Babylonien
– Kassander in Griechenland und Makedonien

Kurz danach kam ein Sprössling der seleukidischen Linie auf, der mehrere düstere Weissagungen Daniels erfüllen sollte:

"Aber am Ende ihrer Regierung, wenn die Frevler das Maß voll gemacht haben, wird ein frecher und listiger König auftreten. Und seine Macht wird stark sein, aber nicht in eigener Kraft; und er wird ein erstaunliches Verderben anrichten, und sein Unternehmen wird ihm gelingen; und er wird Starke verderben und das Volk der Heiligen [d.h. Israel]."
– Prophet Daniel, Kapitel 8,23+24

Wie uns die Historiker berichten, war es der seleukidische Herrscher Antiochus IV., genannt Epiphanes (griech. "der erschienene Gott"), der die Juden unter grausamster Folter dazu zwang, ihrem Glauben abzuschwören. Mit dem Ziel, das Land zu "hellenisieren" verbot er alle jüdischen Kulthandlungen. Der Tiefpunkt wurde 167 v. Chr. erreicht, als Antiochus auf dem Brandopfer-Altar vor dem Tempel in Jerusalem einen Zeus-Altar errichtete und darauf ein Schwein opfern ließ.[8] Antiochus IV. starb drei Jahre später in geistiger Umnachtung, während sein Reich von aufständischen Juden unter Judas Makkabäus zerrüttet wurde und schließlich zerfiel.[9]

Das vierte Weltreich: Rom

Rom im Film "Gladiator" von Ridley ScottRom im Film "Gladiator" von Ridley Scott

Ein Jahrhundert lang durften die Juden Freiheit von fremder Herrschaft genießen. Doch im Jahre 63 v. Chr. eroberte der römische General Pompeius das Land, was die endgültige Vernichtung des griechischen Weltreiches besiegelte. 70 n. Chr. zerstörten die Römer unter dem Kommando des späteren Kaisers Titus den Tempel von Jerusalem bis auf die Grundmauern und vertrieben die Juden in die ganze Welt. Das nun folgende römische Reich, symbolisiert durch die namenlose Bestie, war die absolute Weltmacht:

"Und ein viertes Königreich wird sein, so stark wie Eisen; ebenso wie Eisen alles zermalmt und zertrümmert, und wie Eisen alles zerschmettert, so wird es auch jene alle zermalmen und zerschmettern."
– Prophet Daniel, Kapitel 2,40

Die eisernen Rüstungen der römischen Legionäre, die in ihren soliden Angriffsformationen alles zermalmten, hätten in der Prophezeiung kaum deutlicher dargestellt werden können.

"Das vierte Tier bedeutet ein viertes Reich, das auf Erden sein wird; das wird sich von allen anderen Königreichen unterscheiden, und es wird die ganze Erde fressen, zerstampfen und zermalmen."
– Prophet Daniel Kapitel 7,23

Der Prophet Daniel sah aber auch die Spaltung des vierten Weltreiches voraus, denn keine menschliche Regierung hat ewig Bestand:

"Dass du aber die Füße und Zehen teils aus Töpferton und teils aus Eisen bestehend gesehen hast, bedeutet, dass das Königreich gespalten sein wird; …"
– Prophet Daniel, Kapitel 2,41

Im Jahr 395 n. Chr. teilte Kaiser Theodosius I. das Reich und übergab es seinen Söhnen Honorius (Westrom) und Arcadius (Ostrom).[10] Ostrom existierte unter dem Namen Byzanz bis zum Angriff der Osmanen im Jahre 1453 n. Chr. Dagegen war der Untergang des weströmischen Reiches bereits 476 n. Chr. besiegelt, als der germanische König Odoaker den letzten weströmischen Kaiser Romulus Augustulus zur Abdankung zwang.[11]

Das fünfte Weltreich: Die zehn Könige

Auf den Niedergang des Imperium Romanum würde als nächstes eine Art Bund aus zehn Königen folgen. Wir haben gesehen, dass die "namenlose Bestie" zehn Hörner hatte. Es ist auch anzunehmen, dass die Füße des Standbildes aus Nebukadnezars Traum zehn Zehen hatten, was die selbe Bedeutung hat:

"Und die zehn Hörner bedeuten, dass aus jenem Reich zehn Könige aufstehen werden; ..."
– Prophet Daniel Kapitel 7,24

Tatsächlich zerbrach (West-)Rom unter dem Ansturm der Germanen in verschiedene Nationen. Man kann sicherlich versuchen, genau zehn Nationen zu finden, die aus dem römischen Reich hervorgingen. Einige sehen darin zehn der heutigen europäischen Nationen. Doch der Untergang Westroms kam schleichend und war kein plötzliches Ereignis. Somit lässt sich nur schwer begründen, welche Nationen mitgezählt werden müssen, und welche nicht. Es scheint so, als Läge das Reich der zehn Könige für uns noch in der Zukunft; insbesondere da auf die kurze Dauer dieses Reiches ("eine Stunde") hingewiesen wird. Da die zehn Könige nicht als selbstständiges, fünftes Tier dargestellt werden sondern als Hörner des vierten Tieres, kann man annehmen, dass das Reich der zehn Könige in irgendeiner Weise auf dem Römischen Reich aufbauen wird.

Die sieben Köpfe des Tieres

Der Seher Johannes empfing um etwa 90 n. Chr. auf der Gefangenen-Insel Patmos eine Offenbarung von Jesus Christus, die er sorgfältig aufschrieb. Darin werden die Prophezeiungen von Daniel ganz deutlich aufgegriffen und weitergeführt. Von Johannes erfahren wir, dass nicht nur vier bzw. fünf Weltreiche über Israel herrschen mussten, sondern dass es insgesamt sieben waren. Der Prophet knüpft beim vierten Weltreich (Rom) an, und beschreibt das Tier, das Daniel im Nachtgesicht erschienen war, wesentlich genauer:

"Und ich sah aus dem Meer ein Tier aufsteigen, das sieben Köpfe und zehn Hörner hatte [...] Und das Tier, das ich sah, glich einem Panther, und seine Füße waren wie die eines Bären und sein Rachen wie ein Löwenrachen; und der Drache [d.h. der Satan] gab ihm seine Kraft und seinen Thron und große Vollmacht."
– Die Offenbarung, Kapitel 13,2

Aufgrund der zehn Hörner können wir davon ausgehen, dass es das selbe Tier ist, das Daniel gesehen hat. Nun bemerken wir aber, dass dieses Tier die Eigenschaften der drei vorhergehenden Reiche in sich vereint. Das vierte Tier (Rom) hat etwas vom Panther (Griechenland), vom Bären (Persien) und vom Löwen (Babylon): Mit der Stärke Babylons, der militärischen Hierarchie Persiens und den Ausmaßen des Griechischen Reiches hatten die römischen Kaiser unsagbaren globalen Einfluss und machten Rom zum Inbegriff menschlicher Herrschsucht. Bis heute basiert unsere Kultur auf den Errungenschaften des Römischen Reiches. Die deutschen Kaiser des Mittelalters sahen sich in der Tradition der römischen Herrscher und nannten ihr Herrschaftsgebiet das "Heilige Römische Reich Deutscher Nation". Die "Römisch-Katholische Kirche" hat viele Bräuche und religiöse Riten der Römer übernommen. Es scheint so, als stünde dieses Tier nicht nur für Rom im Speziellen, sondern auch für alle Königreiche der Menschheit im Allgemeinen. Johannes schreibt weiter:

"Das Tier, das du gesehen hast, war und ist nicht mehr, und es wird aus dem Abgrund heraufkommen und ins Verderben laufen; und die auf der Erde wohnen [...] werden sich verwundern, wenn sie das Tier sehen, das war und nicht ist und doch ist. Hier ist der Verstand [nötig], der Weisheit hat!"
– Die Offenbarung, Kapitel 17,8-9a

Ich bin mir unsicher, ob meine Weisheit hierfür ausreicht, aber ich neige zu der Ansicht, dass mit diesem Tier die früheren antiken Weltreiche gemeint sind, die in einem einzigen, mächtigen Imperium sozusagen fusioniert und wieder neu aufgerichtet werden. Viele Bibel-Ausleger denken dabei an ein wiederhergestelltes Römisches Reich, was ja in der Vergangenheit bereits von Gestalten wie Karl dem großen, Napoleon und Hitler versucht wurde. Es gibt aber auch Hinweise darauf, dass es sich um Babylon oder Griechenland handeln könnte – oder eben um eine Mischform daraus.

In der Offenbarung wird nun auch erklärt, was die zehn Hörner des Tieres bedeuten; aber dass es Könige sind, wissen wir eigentlich schon von Daniel. Jedoch ergänzt Johannes wiederum ein wichtiges Detail:

"Und die zehn Hörner, die du gesehen hast, sind zehn Könige, die noch kein Reich empfangen haben; aber sie erlangen Macht wie Könige für eine Stunde zusammen mit dem Tier."
– Die Offenbarung, Kapitel 17,12

Das Reich der zehn Könige steht also in der Tradition des vierten Weltreichs und wird irgendwie in oder parallel zu dem wiederhergestellten Weltreich regieren. Ein weiteres wichtiges Detail, das wir von Daniel bisher nicht erfahren haben, sind die sieben Köpfe des Tieres. Sogleich wird uns erklärt, was diese "Häupter der Hydra" bedeuten:

"Die sieben Köpfe sind sieben Berge, auf denen die Frau sitzt. Und [es] sind sieben Könige: Fünf sind gefallen, und der eine ist da — der andere ist noch nicht gekommen; und wenn er kommt, muss er für eine kurze Zeit bleiben. Und das Tier, das war und nicht ist, ist auch selbst der achte, und es ist einer von den sieben, und es läuft ins Verderben."
– Die Offenbarung, Kapitel 17,9b-11

Bei den "sieben Bergen" haben schon viele Theologen an die Stadt Rom gedacht (und nicht an Schneewittchen). Rom ist seit der Antike als "Stadt auf sieben Hügeln" bekannt. Im Kontext der Bibel werden Berge aber auch als Symbol für menschliche Königreiche verwendet.[12] Im obigen Vers wird deshalb auch direkt erklärt: "Und es sind sieben Könige". Ich betrachte die sieben Köpfe deshalb als sieben Erscheinungsformen menschlicher Weltregierung. Tatsächlich berichtet die Bibel von genau sieben Großmächten, die im Verlauf der Geschichte über das Volk Israel geherrscht haben oder noch herrschen werden. In den Bibeltexten finden wir sogar mehr Informationen über mindestens eines der Oberhäupter der sechs bereits vergangenen Reiche:

– Ägypten (der Pharao des Exodus)
– Assyrien (Sanherib, Salmanassar)
– Babylon (Nebukadnezar, Belsazar)
– Medo-Persien (Kyrus, Darius, Artaxerxes)
– Griechenland (Alexander der Große)
– Rom (Kaiser Augustus)
– Das Reich der zehn Könige

Da der Prophet Daniel zur Zeit Babylons lebte, hatte er die ersten beiden Reiche (Ägypten und Assyrien) nicht im Blickfeld seiner Prophetie, sondern konzentrierte sich nur auf die aus seiner Sicht Zukünftigen. Dagegen sieht Johannes, der die Offenbarung im Römischen Reich schrieb, auch alle Reiche der Vergangenheit. Für ihn waren die ersten fünf Königreiche Vergangenheit ("gefallen") und das sechste war "da". Das siebte Reich ist "noch nicht gekommen", wird dann aber, wie wir schon erfahren haben, nur "eine kurze Zeit" bleiben. Das "Tier" hat also insgesamt sieben Erscheinungsformen, wird aber auch insgesamt als ein mysteriöses, achtes Königreich betrachtet. Von Daniel erfahren wir, dass das achte Königreich entsteht, indem beim siebten Königreich (dem Reich der zehn Könige) drei der zehn Könige beseitigt werden:

"Und die zehn Hörner bedeuten, dass aus jenem Reich zehn Könige aufstehen werden; und ein anderer wird nach ihnen aufkommen, der wird verschieden sein von seinen Vorgängern und wird drei Könige erniedrigen."
– Prophet Daniel Kapitel 7,24

Dieser "Andere", der kommen soll, ist also der achte König, der seinerseits schon mit dem Tier als Ganzem identifiziert wurde. Das "Tier" bedeutet also einerseits grundsätzlich das Königtum der Menschen vom alten Ägypten bis zum Ende der Zeit, aber andererseits wird das Tier auch als Krönung und furchtbarer Abschluss menschlicher Politikgeschiche betrachtet. Am Ende der Zeit wird das Tier die sieben vergangenen Reiche nochmals in einem Super-Imperium neu errichten. Dabei wird es womöglich diejenigen der zehn Könige, die nicht erniedrigt wurden, gewissermaßen als "Unterkönige" an der Macht lassen, denn es hieß ja, dass sie "zusammen" regieren würden. Das Tier ist der Höhepunkt und die Zusammenfassung des menschlichen Strebens nach Macht. Es ist der Endgegner.

Das ewige Reich des Höchsten

Wer die Geschichte unserer Welt studiert, kann den Eindruck gewinnen, dass die Aufeinanderfolge menschlicher Reiche schon immer nach dem gleichen Muster verlief und immer so weiter gehen wird. Ein Reich gewinnt eine gewisse Vormachtsstellung, bis es aus wirtschaftlichen, politischen oder ökologischen Gründen wieder zerfällt und von einem folgenden Reich abgelöst wird. Das Rad dreht sich immer weiter. Dagegen ist die Lektion aus den vier bzw. sieben aufeinanderfolgenden Weltreichen der biblischen Prophetie, dass sich die Geschichte nicht ständig kreisförmig wiederholt, sondern linear auf ein Ziel zusteuert. Nach dem siebten Weltreich folgt ein Höhepunkt, und dann kommt etwas völlig Neues. Das Rad der Weltreiche, das sich so viele Tausend Jahre gedreht hat, wird von einem Stein zertrümmert. Auch wenn die politischen Wirren unserer Zeit nicht danach aussehen, hat Gott die Geschichte fest im Griff. Er gibt die Regierungsgewalt, wem er will und nimmt sie auch wieder zurück:

"Im Rat der Wächter wurde das beschlossen, und von den Heiligen wurde es besprochen und verlangt, damit die Lebenden erkennen, dass der Höchste über das Königtum der Menschen herrscht und es gibt, wem er will, und den Niedrigsten der Menschen darüber setzt!"
– Prophet Daniel, Kapitel 2,14

Obwohl die menschlichen Herrscher der Weltreiche eine befristete Zeit lang Gewalt ausüben dürfen, werden sie eines Tages vom Gott des Himmels zur Rechenschaft gezogen. Wenn das Maß ihrer Schuld voll ist, wird auch die letzte, menschliche Regierung niedergeworfen:

Und das Tier wurde ergriffen [… und] lebendig in den Feuersee geworfen, der mit Schwefel brennt.
– Die Offenbarung, Kapitel 19,20

Anschließend wird Jesus Christus den Thron der Welt besteigen und das endgültige Reich formen, das auf Erden sein wird: Das ewige Friedensreich Gottes.

Dieser [Jesus] wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden; und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben; und er wird regieren über das Haus Jakobs [d.h. Israel] in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben.
– Evangelium nach Lukas, Kapitel 1,32+33

Wir erinnern uns, dass die Statue aus Nebukadnezars Traum durch einen großen Stein zertrümmert wurde:

Aber in den Tagen jener Könige wird der Gott des Himmels ein Königreich aufrichten, das in Ewigkeit nicht untergehen wird; und sein Reich wird keinem anderen Volk überlassen werden; es wird alle jene Königreiche zermalmen und ihnen ein Ende machen; es selbst aber wird in Ewigkeit bestehen; ganz so wie du gesehen hast, dass sich von dem Berg ein Stein ohne Zutun von Menschenhänden losriss und das Eisen, das Erz, den Ton, das Silber und das Gold zermalmte.
– Prophet Daniel, Kapitel 2,44+45

Der Stein beendet die gesamte Abfolge von Weltreichen, aber ohne dass Menschen etwas dazu beigetragen hätten, also durch göttliche Intervention. Dann wird der Stein selbst zu einem völlig neuartigen, letzten Reich auf Erden. Mit dem Leben Jesu hat das ewige Friedensreich bereits seinen Anfang genommen ("in den Tagen jener Könige"), doch es existiert bisher nur auf geistiger Ebene. Der Tag wird kommen, an dem es für alle sichtbar in Erscheinung tritt. Die endgültige Erfüllung dieser letzten Prophezeiung steht somit noch aus.

Daniel in der Kritiker-Grube

Die Prophezeiungen Daniels über die vier Weltreiche sind so detailliert und eindeutig beschrieben und haben sich derart exakt erfüllt, dass gebildete Ungläubige versucht haben, diesem Bibelbuch seine Echtheit abzusprechen. Sie behaupten, nicht Daniel habe es geschrieben, sondern jemand anderes, und zwar erst nachdem die vorausgesagten Ereignisse stattgefunden hatten. Dieser falsche Autor habe das Buch mit dem Namen Daniel versehen, um ihm Ansehen zu verleihen.

Durch die Entdeckung der Qumran-Schriftrollen vom Toten Meer im Jahre 1948 hat die herkömmliche Datierung des Buches Daniel jedoch neue Unterstützung erfahren. Es wurden nicht nur verschiedene Kopien des Buches Daniel entdeckt, sondern auch Schriftrollen, die auf Daniel Bezug nahmen, unter anderem das Gebet des Nabonidus und das Buch der Riesen. Anhand der Datierung dieser Schriften ins 2. und 1. Jahrhundert vor Christus können wir davon ausgehen, dass das Buch Daniel selbst noch früher geschrieben wurde, und damit deutlich vor der Zeit des Antiochus Epiphanes.

Ein weiteres Argument liefert der jüdische Historiker Josephus Flavius, der im 1. Jahrhundert n. Chr. gelebt und die jüdische Geschichte sehr zuverlässig aufgezeichnet hat:

"Als Alexander Gaza erreicht hatte, beeilte er sich, nach Jerusalem hinaufzugehen. [...] Als ihm [Alexander] das Buch Daniel gezeigt wurde, worin Daniel schreibt, dass einer der Griechen das Persische Reich zerstören sollte, nahm er an, dass er selbst diese Person sei."
– Josephus Flavius, "Jüdische Altertümer", Buch XI, Kapitel 8, Absatz 5"

Josephus war also eindeutig der Meinung, dass das Buch Daniel schon vor der Ankunft Alexanders im 4. Jahrundert v. Chr. existierte.

Und schließlich wird die historische Genauigkeit des Daniel-Buches von den apokryphen Büchern 1. und 2. Makkabäer unterstützt. Einer der Makkabäer, Mattathias, gab 166 v. Chr. eine Rede, um die Juden im Sinne der Makkabäer zu einigen. In dieser Rede beschrieb er historische Persönlichkeiten von Abraham bis Daniel.[13] Wenn Daniel ein Zeitgenosse Mattathias' gewesen wäre oder das Buch Daniel erst im Vorjahr geschrieben worden wäre, würde Daniel wohl kaum als einer der Vorfahren genannt werden.

Abschließend möchte ich behaupten, dass die Indizien stark für die herkömmliche Datierung des Daniel-Buches (530 v. Chr.) sprechen. Die eigentliche Frage lautet aber, ob wir bereit sind, das Werk als ein göttlich inspiriertes Buch anzuerkennen, oder ob wir jeglichen Einfluss Gottes von vornherein leugnen.

"Geh hin, Daniel! Denn diese Worte sollen verschlossen und versiegelt bleiben bis zur Zeit des Endes. Viele sollen gesichtet, gereinigt und geläutert werden; und die Gottlosen werden gottlos bleiben, und kein Gottloser wird es verstehen; aber die Verständigen werden es verstehen."
– Prophet Daniel, Kapitel 12,8-10


Verwendete Literatur

[1] Die Offenbarung, Kapitel 17,15
[2] Wikipedia.de, Eintrag "Achämenidenreich"
[3] Reinhold Bichler, "Herodots Welt", Oldenbourg Akademieverlag, 2001
[4] Prophet Daniel, Kapitel 5,25
[5] Wikipedia.de, Eintrag "Schlacht bei Issos"
[6] Wikipedia.de, Eintrag "Alexanderzug"
[7] Wikipedia.de, Eintrag "Diadochen"
[8] Wikipedia.de, Eintrag "Antiochos IV."
[9] Wikipedia.de, Eintrag "Makkabäer"
[10] Wikipedia.de, Eintrag "Reichsteilung von 395"
[11] Wikipedia.de, Eintrag "Untergang des Römischen Reiches"
[12] Jeremia 51,25; Daniel 2,35
[13] 1. Buch der Makkabäer, Kapitel 2,51-60